Wie gefährlich Verdrängen sein kann

Ich weiß nicht genau, wie ich am besten anfange und wie ich es anstelle, dass es nicht viel zu lang wird, aber ich probiere es mal.
Ich hatte eine sehr schöne Kindheit und bin wohlbehütet und mit dem Wissen aufgewachsen, dass ich bedingungslos geliebt wurde. Diese Tatsache blieb auch davon unbeschadet, dass mein großer Bruder und ich zeitweise in der Spielecke im Wartezimmer des Paartherapeuten auf meine Eltern warteten, da meine Eltern noch nie die harmonischste Ehe hatten.
Meine Eltern trennten sich als ich fast 16 war. Ich wusste auch schon damals, dass die Trennung von meiner Mutter ausging und mein Vater an der Ehe arbeiten bzw. festhalten wollte.
Das hat dazu geführt, dass ich meiner Mutter eine lange Zeit unbewusst die Schuld daran gegeben habe, was nicht fair war, aber ich habe lange gebraucht mir dessen überhaupt bewusste zu werden.
Leider fand nie ein Gespräch mit mir und meinen beiden Brüdern statt, indem unsere Eltern uns diesen Schritt zusammen mitgeteilt hätten. Stattdessen war es so, dass meine Mutter es und Kindern einzeln und vor unserem Vater gesagt hat.
Ich liebe meinen Vater natürlich genauso sehr wie meine Mutter, aber es war sofort klar, dass ich nach der Trennung bei ihr bleiben möchte, vor allem da mein kleiner Bruder, der zehn Jahre jünger als ich ist auch bei ihr bleiben würde. Er und ich haben ein sehr, sehr enges Verhältnis und ich konnte es nicht ertragen ihn nur noch alle zwei Wochen zu sehen.
Mein großer Bruder entschied sich dazu bei meinem Vater zu bleiben.
Die Zeit verging und das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter wurde schlechter und schlechter und wir stritten immer häufiger und heftiger. Ich habe mich zu der Zeit oft im Ton und in der Ausdrucksweise vergriffen und das tut mir bis heute sehr leid. Am schlechtesten wurde das Verhältnis, als meine Mutter einen neuen Mann mit nach Hause brachte, meinen heutigen Stiefvater (ja mittlerweile verstehen wir uns sehr gut ;)). Ich kam einfach nicht damit klar einen anderen Mann an der Seite meiner Mutter zu sehen. Zu dieser Zeit bin ich auch immer wieder ein paar Wochen zu meinem Vater gezogen, der mir immer sehr unparteiisch seine Meinung gesagt hat und auch ganz klar, dass ich gerne bei ihm bleiben kann, aber auch dass mein Verhalten so absolut nicht in Ordnung ist. Nach einem total eskalierten Streit bat ich meine Mutter um ein Gespräch und erklärte ihr, dass ich auch einfach die Trennung nie verkraftet hatte. Ich hatte mich nie damit auseinandergesetzt, sondern einfach alles verdrängt. Wir einigten uns, dass eine „Mutter-Tochter Therapie“ sinnvoll wäre. Nach zwei Sitzungen dort teilte meine Mutter mir mit, dass sie zu meinem heutigen Stiefvater ziehen würde, obwohl sie mir immer versprochen hatte, dass sich nichts ändern würde und sie diesen Schritt nicht tun würde, bis ich meine Abi hätte und mein kleiner Bruder mit der Grundschule fertig wäre, da dies beides 2016 der Fall war. Für mich brach eine komplette Welt zusammen und mein Vertrauen erlitt einen richtigen Riss. Ich weiß noch, dass ich die ganze Nacht nur geweint habe, vor allem nachdem sie mir mitteilte, dass der Entschluss definitiv feststeht und ich 18 wäre und somit alt genug um alleine zu leben. Zur Information: Wir lebten zu dieser Zeit in einem gemieteten Haus und ich konnte/wollte nicht mit, weil der Wohnort meines Stiefvaters zu weit von meiner damaligen Schule entfernt war und ich im letzten Schuljahr vorm Abi nicht mehr wechseln wollte. Aus diesem Grund wollte sie die Miete weiter zahlen und ich sollte dort wohnen bleiben. Wir stritten an diesem Abend sehr heftig, zum einen wegen ihrem Entschluss und zum anderen auch, weil ich den neuen Partner an ihrer Seite immer noch sehr ablehnte, was auch an deren Beziehung nicht spurlos vorbeiging. Nachdem ich alles probiert hatte und ihr Entschluss dennoch feststand fand ich mich damit ab, weil das weniger schmerzhaft war, als sie komplett zu verlieren. Ich habe zu der Zeit unfassbar viel geweint und meinen Bruder und sie so sehr vermisst (natürlich hab ich sie am Wochenende besucht, aber das ist einfach was anderes als deine Familie jeden Tag zu sehen). Ich habe ein halbes Jahr in diesem Hause alleine gewohnt, wobei meine beste Freundin zu der Zeit eigentlich ständig bei mir war, aber das habe ich auch gebraucht. In dieser Zeit fand auch mein Vater eine neue Freundin und auch er überlegte mit ihr zusammen zuziehen. Mein älterer Bruder hatte nichts dagegen, wollte aber nicht unbedingt mit, da die Freundin meines Vaters zwei pubertierende Töchter hatte. Deshalb und weil dort wo ich lebte, sowieso noch ein Zimmer frei war zog mein großer Bruder zu mir. Um eines direkt klarzustellen: Ich liebe meinen großen Bruder und auch er und ich stehen uns sehr nahe. Allerdings zeigte sich relativ schnell, dass mein Bruder nicht sehr viel von Ordnung und Sauberkeit hielt und das man sich von seiner kleinen Schwester nicht unbedingt sehr viel sagen lässt (was ich irgendwo verstehen kann) führten wir sehr viele Diskussionen, die damit endeten, dass die ganze Arbeit an mir hängen blieb und ich diese auch ausführte, da ich Unordnung und Unsauberkeit einfach nicht ausstehen kann.
Zu diesem Zeitpunkt begann es auch , dass ich mich nicht mehr daheim wohlfühlte. Ich konnte es irgendwie einfach nicht mehr als mein Zuhause ansehen. Hinzu kamen mein Perfektionismus, der Stress der Vorbereitungen fürs Abi, der damit einhergehende Leistungsdruck und die Tatsache, dass ich bis dahin weder die Trennung meiner Eltern noch den Auszug meiner Mutter verkraftet hatte, da ich alles verdrängte. Ich wurde immer ruhiger, trauriger, antriebsloser und musste all meine Energie und Kraftreserven aufwenden, um meine täglichen Aufgaben zu erledigen. Ich bin zu der Zeit jeden Abend um halb acht ins Bett gefallen, weil ich nicht mehr konnte und mich nicht mehr mit meinem Leben auseinandersetzen wollte. Schlaf lässt nämlich vergessen. Obwohl ich Psychologie Leistungskurs hatte und die Anzeichen hätte deuten können müssen, sieht man das bei sich selbst wie so oft nicht und man denk: „Ich doch nicht!“. Es hat eine Weile gedauert und Mitschüler, Freunde und Lehrer gebraucht, die mich darauf ansprachen, dass ich abwesend, traurig und zurückgezogen wirken würde (meine Freund wussten natürlich wieso), bis ich mir eingestanden habe, dass meine Fassade, die ich glaubte zu haben, wohl niemanden zu täuschen vermochte. Ich habe zu der Zeit fast jeden Abend weinende meine Mutter angerufen und gesagt, dass es mir einfach nicht gut gehen würde und ich aber nicht genau benennen könne wieso. Ich bin meiner Mutter bis heute dankbar, dass sie mir damals gesagt hat, dass ich mir jetzt entweder Hilfe suche, weil sie da schon erkannt hat, dass was nicht stimmt, oder aber nicht mehr jeden Abend wegen dem gleichen Grund, bei dem sie mir nicht helfen kann, weil das keiner konnte außer ich selber nicht mehr anrufen brauch. Ich habe damals erstmal wutentbrannt aufgelegt, aber bin tatsächlich den nächsten Tag zu meinem Hausarzt und habe ihm meine aktuelle Situation geschildert und wie es mir damit geht. Mein Hausarzt kennt mich eben auch seit ich klein bin und ist gleichzeitig auch Psychotherapeut. Er hat sofort geschaltet und diagnostizierte eine situtionale Depression, die auf Grund von verschiedenen aufeinanderfolgenden stressbedingten Ereignissen im Leben eines Menschen auftritt. Man nennt sie auch Anpassungsstörung. Oft vergeht sie wieder ohne, dass eine Behandlung nötig ist und hat zwar ähnliche Symptome wie die klinische Depression, ist aber dennoch von ihr abzugrenzen.
Ich war zunächst geschockt, weil nie dachte, dass mir das passieren würde.
Nach einigen vergeblichen Versuchen einen Psychologen zu finden (ewige Wartelisten) ging ich erneut zu meinem Hausarzt und er sagte, dass er mich gerne in einer psychosomatischen Klinik sehen würde, da die Wartezeiten seines Erachtens sonst für mich zu lang wären. Er meldete mich also dort an. Gleichzeitig kam ich zu dieser Zeit zu dem Entschluss, dass es mir mit meiner damaligen Wohnsituation nur noch schlechter gehen würde. Ich sprach mit meiner Mutter und meinem Stiefvater und danke ihm bis heute, dass er sofort sagte:“ Kein Problem du kommt sofort zu uns.“ Er legte seine Arbeitszeiten so, dass er mich zum Bahnhof fahren und abholen konnte und ich nicht ganz so lange Zug fahren musste und ich somit zwar trotzdem einen langen Schulweg hatte, aber es mir alles in allem viel besser ging. Ich zog ein, lebte mich ein und genoss es auch einfach so sehr meine Mutter und meinen kleinen Bruder wieder um mich rum zu haben. Ich lebte wieder richtig auf, was auch meinem Umfeld auffiel und wollte die Therapie schon absagen. Es dauerte allerdings nicht lange und die Vergangenheit holte mich ein und ich fiel wieder in ein Loch. Ich kann gar nicht sagen, wie viel und oft ich in der Zeit geweint habe und nicht wusste wieso genau. Ich lies keinen an mich ran und zog mich immer mehr zurück. Wenn man in einem solchen „Zustand“ ist, sieht man , so seltsam es klingt, alles nur noch schwarz, trist und grau. Man glaubt auch tatsächlich, dass das Leben nicht lebenswert ist und sowieso scheiße und das man selber das erkannt hat und nur die anderen noch nicht. Man sieht sich selbst als normal an und die anderen als diejenigen, die es einfach nur noch nicht verstanden haben, aber schon noch merken werden.
Meine Eltern und mein gesamtes Umfeld müssen sich in dieser Zeit unfassbare Sorgen um mich gemacht haben und ich kann nur ahnen wie schwer es ist das eigene Kind so zu sehen und einfach nicht helfen zu können und immer wieder abgewiesen zu werden.
Diese ganze Zeit vom Hausarzttermin bis zum Start des klinischen Aufenthaltes betrug ca. 2 Monate.
Die Zeit in der Therapie war hart, weil man sich mit allem auseinandersetzen muss, mit dem man sich nicht auseinandersetzen möchte, weil es nun mal unangenehm ist und wehtut. Vor allem aber muss man sich mit sich selber auseinandersetzen und das ist nie leicht.
Dennoch war es das Beste was ich machen konnte. Ich habe Briefe an meine Eltern geschrieben, Gespräche geführt und einfach mit ihnen über meine Kindheit, die Trennung, den Auszug und alles andere gesprochen, was mich belastet hatte ich aber nie zur Sprache gebracht habe.
Ich will dazu sagen, dass ich meinen Eltern nie einen Vorwurf gemacht habe, aber für mich war es wichtig bestimmte Dinge zu verstehen um damit abschließen zu können und das ist mir zum Glück gelungen.
Das Ganze ist jetzt drei Jahre her. Ich bin jetzt 22 und studiere und habe nach wie vor ein unfassbar gutes Verhältnis zu meinen Eltern und habe vor allem gelernt Dinge direkt zur Sprache zu bringen, die mich belasten, damit es nicht mehr soweit kommen kann 🙂

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